Berlino 1961 – 1989
100 Geschichten , um die Mauer zu erzählen
Unser Projekt hat für uns Italiener/innen einen weiten Ursprung und wurde nach und nach bis zur Veranstaltung in Lanciano, von der ich in meinem nächsten Beitrag erzählen werde, verbessert und erweitert.
Projekt COE
Anfang des Jahres 2007: Unsere Schule hat die Einladung der Generaldirektion des italienischen Schulministeriums, internationale Auslandsabteilung (Direzione Generale per gli Affari Internazionali del Ministero della Pubblica Istruzione) erhalten und angenommen, ein Projekt des Europa-Rates zu entwickeln: Es ging darum, eine Geschichte des 20. Jahrhunderts auf Europäischer Dimension zu erläutern, so wie es Frankreich und Deutschland bereits machen. Die Lehrer versuchen dort, eine Geschichte des 20. Jahrhundertes zu rekonstruieren, wo beide Sichten berücksichtigt werden. Es handelt sich um eine Revolution, wenn man bedenkt, welche Verbitterung zwischen den beiden Staaten sich auf beiden Seiten im ersten und zweiten Weltkriegs aufgebaut hat. Das Schulministerium forderte desweiteren auf, Partnerschaften mit anderen Schulen Europas zu schließen.
Das Europa-Rat Projekt hat den Titel „Didaktik der Geschichte auf europäischer Ebene: Die Schlüsseldaten der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert“ ( Didattica della storia in Dimensione Europea: “Le date chiave della Storia d’Europa nel XX secolo”). Zur Auswahl standen 5 Daten aus der Geschichte des letzten Jahrhunderts für die Ausarbeitung: 1848, 1912-1913, 1919, 1945, 1989. Auf folgender Webseite wird das Projekt – leider nur auf Italienisch - erklärt: http://www.pubblica.istruzione.it/dg_affari_internazionali/dimensione_europea.shtml)
CLIL und Etwinning-Projekt
Die Schule Fermi von Lanciano hat mich beauftragt. Ich habe mich deshalb auf die Suche nach europäischen Mitarbeitern gemacht. Auf der Etwinning Plattform habe ich im Juni 2008 nach einer ersten Suche durch Freunde und persönliche Beziehungen eine Kollegin aus Berlin, Anja Bohn, aus der Kurt Tucholsky Oberschule gefunden. Dieser Kollegin habe ich vorgeschlagen, zunächst einmal Materialien und Meinungen auszutauschen.
Das Projekt wurde schließlich zu einem etwinning Projekt mit dem Titel 1989 - Storie di uomini e di donne (1989 - Geschichten von Männern und Frauen): Im Laufe des Schuljahres 2008-2009 habe ich eine 12. Jahrgangsstufe, die Klasse IV A Erica des Fermi, ausgesucht, die zum Thema 1989 in den CLIL Unterrichtsstunden gearbeitet hat. CLIL (Content Language Integrated Learning) ist eine englische Abkürzung für eine besondere Form des Unterrichts, wo die Fremdsprache als Mittlersprache für andere Fächer benutz wird. Die Klasse IV A Erica war die einzige in meiner Schule, die Deutsch damals als Lehrfach hatte. Es handelte sich um eine Klasse, die mir damals noch unbekannt und leider auch nicht so begeistert vom Fach Deutsch war. Trotzdem habe ich mich mit der Italienisch-und Geschichtslehrerin der Klasse für acht Unterrichtsstunden abgewechselt, um in ihrer Klasse auf Deutsch die Geschichte zum Thema Mauerfall zu bearbeiten. Die Schüler haben mit authentischem Material, Fotos und Artikeln gearbeitet und dabei die beiden Sprachen Deutsch und Englisch für die Suche im Internet benutzt.
Dominoaktion
Im April hat Anja Bohn eine neue Form der Mitarbeit vorgeschlagen: gemeinsam einen Stein für die Dominoaktion am 9. November 2009 in Berlin anzufertigen. Eine Schülerin aus der 12. Jahrgangsstufe, aus der Klasse IV A Erica, Natasha Biancone, hat eine Skizze gemacht, die die deutschen Schüler als Vorlage zur Bemalung des Steins benutzt haben. Am 9. November 2009 stand dieser Stein am Brandenburger Tor. Aber darüber hat schon Anja berichtet.
Die Planung der Veranstaltung
Im September 2009 haben wir in Lanciano angefangen, eine große Veranstaltung vorzubereiten, an der 8 Schulen beteiligt waren: Grundschulen (Eroi Ottobrini, Principe di Piemonte e Rocco Carabba), Scuole Medie Mazzini e Umberto I (6. bis 8. Jahrgangsstufen) und Scuole superiori (De Giorgio, De Titta, Fermi e Galvani: 9. bis 13. ). Desweiteren haben der kulturelle Verein L’Altritalia und die Theatergesellschaft Il piccolo resto aus L’Aquila teilgenommen. Die Veranstaltung wurde vom Goethe Institut aus Rom, von der Stadt Lanciano, der Kulturorganisation von Lanciano und der Region Abruzzen (Agenzia per la Promozione Culturale di Lanciano e della Regione Abruzzo) und vom Verlag Orecchio Acerbo (der zusammen mit dem Goethe Institut aus Rom das Buch Mauern - zehn Geschichten, um sie zu überwinden veröffentlicht hat) unterstützt.
Die Ausstellung hat unter der Schirmherrschaft der zitierten Institutionen und der Deutschen Botschaft in Rom stattgefunden.
Die Ausstellung
Die Schulen haben unterschiedliche Materialien zur Ausstellung vorbereitet, die vom 10. bis 20. November im Gebäude „Palazzo degli Studi“ in Lanciano stattgefunden hat. Die Ausstellung wurde von meiner jetzigen 11. Jahrgangsstufe, der Klasse IIIA Erica betreut.
Für die Ausstellung wurden einige Fotos vom Fotographen Stefan Koppelkamm vom Goethe Institut zur Verfügung gestellt. Stefan Koppelkamm fotografierte bestimmte Orte in Ost-Deutschland zu zwei Zeitpunkten, einmal vor und später nach 1990 und stellte diese Fotos gegenüber. Desweiteren erhielten wird vom Goethe Institut Rom die Tafeln von Henning Wagenbreth zum bereits zuvor zitierten Buch des Verlags Orecchio Acerbo ( 1989 – 10 storie per attraversare i muri). Großer und wichtiger Bestandteil der Ausstellung waren natürlich vor allem die Arbeiten der Schüler.
Als „eine Ausstellung der Kleinen für die Erwachsenen“, so habe ich die Ausstellung den Kindern und Jugendlichen auf der Vorlesung am 14. November 2009 bezeichnet. Ich habe die jungen Zuschauer motiviert, sich als Ausstellungsführer bereitzustellen. Die Ausstellung verfügte über zwei Abteilungen: Eine geschichtlich- künstlerische Abteilung mit Plakaten, die unter anderem die Mauergeschichte, die Stasi, die Revolutionen von 1989, den schwierigen Wiedervereinigungsprozess mit den immer aktuellen Unterschieden zwischen Osten und Westen und der Ostalgie, das neoklassizistische Berlin, die Filme über die Teilung abbildeten und eine kreative Abteilung mit einer von Schülern angefertigten Mauer voller historischer und anderer Notizen, einer geographischen Karte von einem geteilten Lanciano und den Überlegungen der Schülern, die sich vorgestellt haben, in einem geteilten Lanciano zu leben, dem Storyboard einer Mauer, die ihre wichtigsten Momente durch die Zeichnungen der Schüler erzählt und sehr viele Bilder, in denen die Schüler die Geschichte der Berliner wiederaufbereitet haben. In einem Videoraum liefen die von den Schülern realisierten Videoclips und das Interview mit dem Zeitzeugen Jörg, den Frau Anja Bohn interviewt hat und dessen Interview von 2 Schülern von mir auf Italienisch synchronisiert worden ist. Jörg erzählt von seinem Fluchtversuch, von der Gefängniszeit und seiner schwer zu erreichenden Freiheit durch den „Verkauf“ an die Westdeutschen. Das Interview ist Teil der Materialsammlung, die Anja mit ihren Schuelern noch anfertigen wird.
Die Schüler aus
allen Schulen haben die Ausstellung nach einem bestimmten Kalenderplan besuchen
können. Die Schüler aus dem Istituto De Giorgio (das einen Abschluss fuer Reisenfuehrer
anbietet) führten die Schulklassen durch die Ausstellung.
Die Eröffnung
Die Ausstellung wurde von der Schulleiterin der Schule Fermi am 10. November 2009 um 16.00 Uhr eröffnet: Nach der Begrüßung des Bürgermeisters haben die der Schulchor von Umberto I mit der Ode an die Freude von Beethoven gesungen. Anschließend fand eine Vorlesung von Erzählungen aus dem Buch 1989 – 10 storie per attraversare i muri statt. Die Schüler, die vorgelesen haben, wurden von Eva Martelli aus der Theatergesellschaft Il piccolo resto vorbereitet. Eva Martelli hat gemeinsam mit einer andren Theaterschauspielerin Manuela D’Ortona das Nachwort von Michael Reynolds zum Buch auf originelle und rührende Art vorgelesen.
Die Konferenz
Die Ausstellung endete am 20.11. 2009 mit einer Konferenz, die Frau Gerdis Thiede (Sie vertritt das Goethe-Institut Italien als Beauftragte für Werbung und Kulturprogramme für Schulen) eröffnete. Frau Thiede stellte das gemeinsame Projekt mit dem Verlag Orecchio Acerbo vor, aus dem das zitierte Buch „Mauern – Zehn Geschichten, um sie zu überwinden“ zum 20. Jahrestag des Mauerfalls entstanden ist. Desweiteren haben drei Professoren aus der abruzzesischen Universität D’Annunzio, Antonelli, Falasca, Delli Castelli über die Themen der Kommunikation, der Architektur und der Sprache, die Dozentin Cinzia Pierantonelli der Universität Roma 3 ? und die Journalistin Paola Rosà, freie Mitarbeiterin des RAI aus Trento, interessante Referate gehalten. Die letzten beiden Referentinnen haben vor kurzem einen Roman Il Muro dentro: Berlin 1984 und ein Essay Lipsia 1989. Nonviolenti contro il Muro veröffentlicht.
Die Filme
Im Laufe der 10 Tage wurden 2 deutsche Filme mit italienischen Untertiteln gezeigt: Good bye Lenin! und Go Trabi Go! Der Verein L’Altritalia hat sowohl für die Schulen, als auch für die Einwohner in Lanciano die Vorführung von 2 synchronisierten Filmen organisiert: Good bye Lenin! und Das Leben der Anderen. Nach dem letzten Film fand eine Debatte mit zwei anwesenden Zeitzeugen aus Ostdeutschland statt: Regina Scharffenberg und Anja Bohn (der Kollegin aus der Kurt-Tucholsky Oberschule!).
Die Vorlesungen
Auf Vorschlag einiger Lehrerinnen ist die Idee entstanden, das Buch1989 – 10 storie per attraversare i muri, von dem die Tafeln am Palazzo degli Studi ausgestellt wurden, durch Vorlesungen zu animieren. Bei der Eröffnung fand die erste Vorlesung statt, bei der Schüler auch teilweise in Originalsprache die Erzählungen und Eva Martelli das Nachwort (sieh mal Eröffnung) vorgelesen haben. Am 14. November 2009 wurden einige Erzählungen von der Scuola Media Umberto I vorgelesen und zwei andere von den Grundschulen dramatisiert.
Begleitmaterialien
Auf der Ausstellung konnte man kostenlos Bücher, Spiele und Broschüren bekommen, die vom Goethe Institut frei gestellt worden sind, sowie eine Ausstellungskarte und einen Fragenbogen für Schuler. Desweiteren konnte der Besucher eine von meiner Klasse IIA Erica erstellte Schülerzeitung Il muro di Berlino billig kaufen, verschiedene Bücher erwerben, die von einer Buchhandlung in Lanciano zur Verfügung gestellt und von der Klasse III A Erica verkauft wurden.
Die große Bedeutung dieser Initiative
Die Ausstellung war auf verschiedenen Ebenen didaktisch äußerst effektiv. Die Schüler wurden angehalten, Ausstellungsmaterial aus verschiedenen Bereichen von der Literatur bis zur Kunst herzustellen. Sie sollten Plakate selbst entwerfen und die Führung der Ausstellung übernehmen.
Weiterhin hatten sie die Möglichkeit, sich mit komplexen Themen wie Demokratie und Diktatur auseinanderzusetzen, indem sie zunächst emotional erfahren und erst dann rationell und geschichtlich daran gearbeitet haben: Sie haben durch Fotos, gelesene Texte, persönliche Suche im Internet von der Geschichte einzelner Familien und den Fluchtversuchen erfahren. Der Begriff „Freiheit“ ist zu einem Erfahrungswert geworden und ist nicht mehr abstrakt geblieben.
Die Schüler haben in der Schule ein Thema behandelt, von dem gleichzeitig auch die Massenmedien berichtet haben: die Lehrer haben, wie Charles Heimberg sagen würde, eine gesellschaftliche Frage, von der man auch außerhalb der Schule spricht, ausgenutzt. Das Fach Geschichte ist den Schülern nicht mehr als ein altes, kaltes Fach erschienen, sondern ist zu einem aktuellen lebendigen Fach geworden. Als die Schüler Fernsehberichte oder Zeitungsartikel zum dem Thema, das sie in der Schule behandelt hatten, gesehen haben, haben sie sich als Teil dieser Geschichte wahrgenommen.
Und weiter: Während gewöhnlich das Fach Geschichte für Schüler überwiegend Texte lesen und wiedergeben heißt, hier wurde es ungewöhnlich behandelt, und zwar durch authentisches Material: Fotos an erster Stelle, Gegenstände und Zeitungsartikel, so wie Interviews mit betroffenen Personen! Die kreativen Kräfte haben sich verhundertfacht, weil die Schüler einen Termin einhalten und ein Ziel verfolgen mussten: eigenes Ausstellungsmaterial herstellen, das den Besuchern ihr in der Schule „Gelerntes“ veranschaulicht.
Zuletzt möchte ich unterstreichen, dass viele andere Schulen an diesem Projekt mitgearbeitet haben. Sie glaubten an diese Initiative und bereicherten sie mit ihren eigenen Wissensbeiträgen und Vorschlägen. Die Ausstellung mit ihrem komplexen Umfang, wie auch das gesamte Programm sind das Resultat der verschiedenen Kontakte der Lehrer, die am Projekt teilgenommen haben.
Es geschieht nicht alle Tage, dass ein Netzwerk verschiedener Schulen schnell und gleichzeitig so effizient aufgebaut wird. Es führte über die Grenzen der eigenen Schule hinaus zur Realisierung eines gemeinsamen Projektes.
Weiterentwicklung
Unseren Spuren folgend hat sich auch das Gymnasium “G. Peano – C.Rosa” aus Nereto in der Provinz von Teramo (in den Abruzzen) aufgemacht. Diese Schule wird die Fotos von Koppelkamm und die Illustrationen von Wagenbreth sowie ebenfalls eigens dafür hergestellte Plakate der Schüler 2010 in Nereto ausstellen. Die Lehrerin Frau Coltrinari hat an der Versammlung vom 20. November 2009 in Lanciano teilgenommen, um für die Weiterführung dieser Initiative Kontakte zu knüpfen.
Unsere Verbindung mit der Kurt Tucholsky Oberschule bleibt bestehen. Gemeinsam planen wir eine Art Wanderausstellung, die - falls möglich, und wenn die Organisatoren damit einverstanden sind - von den Steinen der Dominoaktion am Brandenburger Tor begleitet werden sollen. Die Steine wurden von Menschen aus der ganzen Welt gestaltet und symbolisierten 20 Jahre nach der Grenzöffnung der DDR zur BRD am 9. November 2009 noch einmal den Mauerfall.
Wir haben die Absicht, mit der Interview- Sammlung fortzufahren. Die Partnerschule in Berlin hat bereits auf unsere Bitte hin die Antworten auf unsere Interviewfragen geschickt.
Die Eltern, Großeltern, Freunde und Bekannten der deutschen Schüler haben hohe Bereitschaft zur Mitarbeit gezeigt und immer mehr Erwachsene melden sich zu Wort: Sie erzählen ihre eigene Geschichte, weil sich jemand dafür interessiert und weil die Fragen von den Schülern vorurteilsfrei gestellt wurden.
Das Interviewprojekt expandiert und scheint auch andere europäische Länder zu interessieren, die über ihre eigenen Erlebnisse von 1989 und der Zeit danach erzählen möchten.
Man gelangt somit automatisch wieder auf den Grundpfeiler des Projektes: die Rekonstruktion der Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Sie lehrt, Individualität von Personen, Nationen und Anschauungen in einer pluralistischen Gesellschaft zu vereinigen.